Interview mit Carolina Jarmolinska

Die Pfinztaler Künstlerin Carolina Jarmolinska lebt zwischen Polen, Deutschland und seit Kurzem auch Japan – und entwickelt in der Spannung zwischen Struktur und Freiheit ihre Kunst.

Es gibt Widersprüche, die einem das Leben schwer machen – und solche, mit denen man ganz gut und sogar ganz kreativ leben kann. Carolina Jarmolinska, Künstlerin mit polnischen Wurzeln, hat sich in einem solchen Spannungsfeld eingerichtet: zwischen der Sehnsucht nach Ordnung und Struktur, die sie von ihren Eltern – beide Ingenieure – geerbt hat, und dem universalen Chaos, das gute Kunst erst möglich macht. „Man braucht ein gewisses Maß an Ordnung und ein gewisses Maß an Freiheit“, sagt sie, „weil man das Chaos als Inspiration nutzen kann.“

In ihrer Pfinztaler Wohnung hängen und stehen die Bilder dicht beieinander. Manche davon würde sie nie verkaufen, weil sie Freunde zeigen – Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist oder die sie in Deutschland kennengelernt hat. „Wenn ich das Bild verkaufen würde, hätte ich das Gefühl, ich habe meine Freunde verkauft“, erklärt sie.

Struktur als Sparringspartner

Der vermeintliche Widerspruch zwischen künstlerischer Freiheit und ordnungsliebender Persönlichkeit löst sich bei Carolina Jarmolinska ganz selbstverständlich auf: Die Struktur ist für sie kein Feind, sondern ein Gesprächspartner. „Ich mag nicht kämpfen“, sagt sie, „aber ich mag vieles auf eigene Art und Weise machen.“ Was andere als Restriktion empfinden, benutzt sie als Ausgangspunkt – als Rahmen, den es nicht zu brechen, sondern neu zu denken gilt.

Das prägt ihr Verständnis von Kunst und Kultur. Kunst ist für sie eine Anordnung von Dingen der Realität, die sie gestalterisch umwandelt und neu präsentiert – ein Akt der Transformation, nicht der bloßen Abbildung. Kultur meint dagegen mehr: die Mentalität von Menschen, ihre Sitten und Gewohnheiten, ja sogar die Kulinarik. Und das Leben selbst? So bewundert sie Ghandi dafür wie er für soziale Gerechtigkeit gekämpft hat – in einer gewaltfreie Art und Weise.

Gerhard Richter, Anselm Kiefer – und polnische Plakate

Ihre künstlerischen Einflüsse sind so vielschichtig wie ihre Biografie: Während sie bei Gerhard Richter die Symbiose aus Fotografie und Malerei fasziniert, ist es bei Anselm Kiefer die Materialvielfalt und die inhaltliche Wucht seiner Gemälde. Daneben nennt sie japanische Holzschnitte und Tuschemalerei als prägende Quellen. Vor allem aber: die in Deutschland eher unbekannte polnische Kunst der 1970er Jahre.

Menschliche Würde als zentrales Bekenntnis

Was Carolina mit ihrer Kunst vermitteln will, klingt zunächst schlicht: die Schönheit, Würde und Vielfalt menschlicher Existenz. Die unterschiedlichsten Menschen, insbesondere Gesichter, sind ihr künstlerisches Hauptmotiv – ihre Mimik, ihre je eigenen Lebensgeschichten. Eine Kunsthistorikerin würde ihren Ansatz wohl „figurativ“ nennen. Doch Carolina Jarmolinska geht es nicht um die Oberfläche. Sie interessiert das Dahinter: wie jemand sein Leben führt, welche Entscheidungen er trifft, wie er sich damit entwickelt. Ihre Figuren tragen etwas von dem in sich, was sie an der japanischen Kultur so beeindruckt hat: jene Würde im Alltag, jene Aufmerksamkeit füreinander, die sie auf Reisen durch Kyoto und Tokio erlebt hat.

Drei Säulen, eine Überzeugung

Den allgegenwärtigen Widerspruch zwischen Kunst und Markt versucht Carolina Jarmolinska ganz praktisch zu lösen: Sie verdient zwar ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Verkauf ihrer Werke, versucht aber auch mit Grafikdesign und sozialen Tätigkeiten wenigstens eine gewisse Unabhängigkeit davon zu erreichen: „Ich habe nicht diesen Druck, unbedingt etwas verkaufen zu müssen“, sagt sie, „weil ich auch noch andere Einkommensquellen habe. “

Auf die Frage, worauf sie stolz sei, antwortet sie ohne Zögern: darauf, dass sie immer mit der Kunst weitergemacht habe. Egal welche Situation, egal welche Krise – die Kunst blieb ihr. Das ist ihr Mantra, auch wenn sie es nicht so benennt. Sie ist zutiefst davon überzeugt: „Je schwieriger die Situation, desto mehr Gutes kommt danach.“ Optimismus nicht als Naivität, sondern als erarbeitete Haltung. Ihre größte Schwäche sei ihre „Sturheit“, sagt sie, aber auch ihre größte Stärke: „Weil genau diese Sturheit mich auch immer weitergebracht hat. Egal was kommt, ich verfolge mein Ziel.“

Angekommen in Pfinztal

Auch den Weg nach Deutschland hat Carolina Jarmolinska ihrem Eigensinn zu verdanken, nämlich Kunst nicht nur in Warschau, sondern auch im Ausland studieren zu wollen. Beim Durchforsten der Möglichkeiten kam sie auf die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe: wegen Prof. Franz Ackermann, der zentralen Lage in Europa, der Nähe zu Frankreich, der Schweiz und Österreich. Von da war es dann nur noch ein kleiner Schritt nach Pfinztal. Das hat vor allem mit der Landschaft zu tun. Karlsruhe ist flach, fast demonstrativ flach – und Carolina Jarmolinska kommt aus einer Gegend in Polen, wo Berge den Horizont skizzieren.

„Das hat mir immer gefehlt, keine Berge zu sehen“, sagt sie. In Pfinztal ist das anders: Die Hügelzüge am Rand des Schwarzwalds sind sichtbar, die Wälder nah. Diese Nähe – das hat sie von Anfang an geschätzt. Den Anschluss an die lokale Kunstszene fand sie über die Pfinztaler Kunsttage: „Ich bin da irgendwie reingerutscht“, sagt sie – und klingt dabei, als sei das genau die richtige Art gewesen. Seitdem funktioniert es gut: die Gemeinschaft, die Sichtbarkeit, der Austausch. Pfinztal ist für Carolina Jarmolinska längst mehr als nur eine Wohnadresse.

Derzeit arbeitet sie an Tuschezeichnungen, die auf den Skizzen und Fotografien einer Japanreise im Sommer 2025 basieren. Im kommenden Oktober sollen sie in einer Ausstellung in Karlsruhe zu sehen sein. Was danach kommt? Das, sagt sie, werde sich klären. Eine Künstlerin, die mit dem strukturierten Chaos lebt, braucht eben nicht immer einen Plan – nur die Überzeugung, dass es weitergeht.

Das Interview hat Walter L. Brähler geführt – im März 2026 

Kunst als kreative Ordnung im Chaos